Theater als soziale Bildungsveranstaltung

Dass das Theater mehr ist als das Trickspiel der Priester zur Erregung religiöser Gefühle, wusste schon die Antike. Ihr Bild von der Bühne als einer Bildungsstätte weiser Ideale und kluger Handlungen wirkt bis ins Heute. Doch wie bei einer Überbelichtung: So schnell wie es auftauchte, so schnell verschwand das antike Theater auch wieder. Erst nach Jahrhunderten des Vergessens bekam es eine zweite Chance. Aus den wenigen Überlieferungen, trögen Belehrungsritualen frommer Christen und spöttischen Belustigungsstücken fahrender Artistengruppen bezog das aufstrebende Bürgertum die praktischen Grundlagen für ein erneuertes, modernes Theater. Aber auch diese klassische Blüte war nur von kurzer Dauer. Die Bühne als moralische Zeigefingeranstalt hatte schon bald ihre Attraktion verloren. Dieser Bedeutungsverlust wurde erst durch den Bildungshunger und das neue Selbstbewußtsein der arbeitenden Massen, durch die Bedürfnisse der sozialistischen, kommunistischen und nationalistischen Bewegungen, wieder aufgehoben. Diese Revolutionierung des Theaters zu Beginn des letzten Jahrhunderts war aber nicht nur eine technische Entwicklung, sondern vor allen Dingen eine soziale. Durch die Problematisierung der Produktion, der Arbeitsweise, durch die allenorten gestellte Frage der Mitbestimmung, rückten die vielfältigen Verhältnisse zwischen Publikum und Bühne, zwischen den Menschen, die da miteinander und füreinander spielen, stärker ins Zentrum und damit auch deren Interessen.
Das Theater von heute ist deshalb eine soziale Veranstaltung geworden, ob nun als Bühne falscher Eitelkeiten, großer Gesten oder effektvoller Rhetorik, ob nun als Schauplatz innerlicher Vorgänge, detaillierter Haltungen oder tatreicher Geschichte, ob als mühselige Zeitverschwendung und lahme Ablenkung oder als heiterer Abend und spannende Probe. Es begegnen, betreffen, berühren sich diejenigen, die das Theater anzieht und damit einen Ort der gegenseitigen und freien Bildung in die Hände gibt. An uns liegt es, ihn auch zu nutzen.

(aus dem Programmheft „Der subjektive Faktor“)
Daniel S.